Ein Jahr als Zivildienstleistender in Baumgartsbrunn


Ein Erfahrungsbericht von Otis gröne


Im Oktober 2005 verließ ich Namibia, um nach einem Jahr Zivildienst in Baumgartsbrunn zurück nach Deutschland zu fliegen. In dem vergangenen Jahr habe ich nicht nur viel erlebt, gearbeitet und Freunde gefunden, sondern auch die Vorzüge Münsters (wieder) schätzen gelernt. In Baumgartsbrunn selbst, 38 km westlich von Windhoek, der Hauptstadt Namibias mit gut 250.000 Einwohnern, dachte ich oft an zu Hause, an meine Familie, Freunde, Basketballspielen, ins Kino gehen, Feiern und die fantastische Abi-Abschlussfahrt.

Zurück daheim relativierten Fernweh, ein paar verregnete Monate und ein Semester Jurastudium mein Bild von Münster überraschend schnell. Kein Wunder also, dass ich gerne auf die sonnige Zeit als Zivildienstleistender in Namibia zurückblicke.

Leider gibt es, man mag es kaum glauben, selbst im schönen Namibia mehr Werktage als Feiertage. Also, erst die Pflicht: Mein Werktag war im groben dreigeteilt. Vormittags war ich an der Grundschule beschäftigt, zunächst zur Unterstützung von Frau Villwock, später in Zusammenarbeit mit dem Grundschulrektor, Mr. Sauerwein. Meine Aufgabe war es, mit den Hostelarbeitern das Schulgelände und die Hostels sauber zu halten, Verbesserungsvorschläge der Hostelarbeiter zu sammeln und diese Helmut Bleks zur Diskussion und Entscheidung vorzutragen.

Da Anspruch und Wirklichkeit auch in Afrika zwei Paar Schuhe sind, blieb der ein oder andere Konflikt natürlich nicht aus - Geduld, Offenheit und „einfach mal Abschalten“ helfen da ungemein.

Nachmittags begann ich um 14.15 Uhr meinen Deutschunterricht in der Berufsschule für junge Frauen. Dabei ist der Unterricht auf die praktische Anwendung von Deutsch im Tourismussektor ausgerichtet, also Speisekarten lesen, Wegbeschreibungen und Smalltalk. Das ist als Zivildienstleistender eine Herausforderung, aber auch eine willkommene Abwechslung von der körperlichen Arbeit am Vormittag.

Nach dem Abendessen ging ich viermal die Woche in den Jugendraum der Grundschule, um reihum mit ca. 20 Grundschülern - erst zusammen mit Frau Villwock, später alleine oder mit Unterstützung durch Schüler oder Lehrer des Instituts - Gesellschaftsspiele zu spielen, Geschichten vorzulesen oder ein Ohr für Beschwerden und Wünsche der Schüler und Hostelarbeiter zu haben.

Baumgartsbrunn ist eine Farmschule und ein Internat. Folglich geht das schulische Leben auch am Wochenende weiter. Für die Schüler der Grundschule und die Schülerinnen des Instituts fehlte es oft an Angeboten und Möglichkeiten sich zu beschäftigen. Umso willkommener waren Abwechslungen wie Fußball- und Volleyballspiele, Sportfeste oder der Grundschulbasar, bei welchem Farmarbeiter, die Eltern der meisten Grundschüler, zusammenkommen, grillen und feiern. Ebenso gab es auch auf der Institutsseite besondere Anlässe, wie zum Beispiel der Besuch der Schülergruppe vom Schillergymnasium Münster, eine Geburtstagsfeier oder die Aufführung eines zuvor eingeübten Theaterstücks.

Zivildienst in Baumgartsbrunn, oder genauer „Anderer Dienst im Ausland“, ist allerdings weit mehr als die Summe der im Vertrag verankerten Aufgaben. Wertvolle Einblicke in die fremde Kultur und Mentalität der Schüler, Arbeiter und Lehrer ermöglichen einen ungeahnten Perspektivenwechsel - Fremdes wurde so schnell zu Gewohntem. Schon nach wenigen Wochen waren wöchentliche Frisuränderungen der jungen Damen für mich ebenso zur Selbstverständlichkeit geworden wie der Umstand, dass längere Strähnen aus Plastik eingeflochten werden, um der afrikanischen Lockenpracht Herr zu werden.

Oder auch die Unterscheidung von „German time„ und „African time“: „German time“ ist die uns bekannte Zeitenteilung. „African time“ hingegen ist sehr von der jeweiligen Gefühlslage, insbesondere der Motivation an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit sein zu wollen, und anderer, sich meiner Einsicht entziehender Faktoren beeinflusst.

An alles gewöhnt man sich freilich nicht. So ist es mir heute noch ein Rätsel, warum sich allabendlich alle Schülerinnen des Instituts vor dem Fernseher versammelten, einer unerträglich schlecht synchronisierten brasilianischen (!) Soap entgegen fieberten und den Schicksalen der Charaktere teils mehr Aufmerksamkeit widmeten als ihren eigenen (ich bin allerdings auch in Deutschland kein GZSZ-Fan …).

Bemerkenswert ist auch die Gastfreundschaft mit welcher Jan Henrik Krahn (der andere Zivildienstleistende) und ich in der Dorfgemeinschaft aufgenommen wurden. Wir wurden herumgeführt, uns wurden die Eigenheiten der Farm erklärt und wir waren oft zum Essen eingeladen. Es dauerte keine drei Wochen und wir waren ein Teil der kleinen Welt von Baumgartsbrunn.

Um mehr vom namibischen Leben mitzubekommen, nutzte ich jede Gelegenheit, um Zeit in der Stadt zu verbringen. Diesen Ausflügen verdanke ich spannende Bekanntschaften und unvergessliche Wochenenden, welche ich bei Freunden oder Verwandten der Lehrer in Katutura, den Townships Windhoeks, verbrachte.

Doch das südliche Afrika hat mehr zu bieten als Windhoek. Während der Weihnachtsferien reiste ich nach Kapstadt und über Ostern zu den Viktoriafällen nach Sambia.

Die Zeit in Baumgartsbrunn war anstrengend und nicht immer einfach, doch überwiegen die positiven Eindrücke um ein Vielfaches - ich würde meinen Zivildienst jederzeit wieder dort ableisten.

Es war ein unvergessliches Jahr!

18. Februar 2006