Ich bin in Namibia


Ronja Rasches Erste eindrücke und erlebnisse in baumgartsbrunn


Juli 2005 – ich fror erbärmlich, als ich einen ersten Erlebnisbericht für meine Familie und meine Freunde schrieb:


„Wer es noch nicht weiß, wird sich jetzt sicherlich fragen: „Warum kalt, es ist doch Sommer?" Leider Pustekuchen, ich bin bei meinem Hinflug über den Äquator geflogen und wer in Erdkunde gut aufgepasst hat, weiß, dass sich damit die Jahreszeiten ändern. Ich habe im Moment Winter. Es ist total trocken, die Temperaturen steigen in meiner Gegend bis auf 23° C am Tag und sinken auf bis zu -7° C in der Nacht. Jetzt ist es gerade 8:30 Uhr, also noch sehr kalt und leider habe ich bisher keine Erklärung bekommen, wie ich in meiner schönen Wohnung (2 Zimmer, Bad ohne warme Dusche und Küche ohne Herd) den Ofen, die einzige Heizquelle, anmachen kann. Also ist es kalt!

Nun aber von Anfang an: Ich stieg am Montagabend in Düsseldorf mit einer Stunde Verspätung (Unwetter) in den Flieger und flog nach München. Obwohl es dieselbe Maschine war, die weiter nach Windhoek flog, musste ich raus, durch die Passkontrolle und wieder rein. Ab München hatte ich einen netten Herrn neben mir sitzen, der Namibia Last Minute gebucht hatte und sich überhaupt noch nicht über das Land informiert hatte. Es war richtig lustig, ihn immer wieder schocken zu können, bis ich ihm dann sagte, dass er alles in Windhoek besorgen könnte, was er vergessen hatte.

Dienstagmorgen, Windhoek Flughafen: erstes Tier, der Strauß; toller Sonnenschein, eisige Kälte - ich war wach, aber niemand war da, um mich abzuholen. Jan, mein Vorgänger, hatte verschlafen. Er kam mit einer 1/4 Stunde Verspätung zu meiner Verspätung am Flughafen an und erzählte mir, er sei in einem Affenzahn zum Flughafen gefahren, weil er erst aufgewacht sei, als ich, wenn ich pünktlich gewesen wäre, gerade aus dem Flieger gestiegen wäre. Ich mag es, wenn Jungen für mich ihr Leben riskieren (*grins*), denn die Schotterpisten sind nicht ohne. Wir sind nach Windhoek in die Stadt gefahren, weil noch ein paar Besorgungen für die Schule gemacht werden mussten, und so begann für mich gleich der Alltag.

Fahrt von Windhoek nach Baumgartsbrunn zur Schule: das Auto war voll. Jan hatte auf dem Weg viele Tramper eingesammelt, die alle zur Schule wollten. Einen Bus gibt es nicht und wenn man kein Auto hat, ist Trampen die einzige Möglichkeit in die Stadt zu kommen. Es ist auch ganz normal, wenn Schüler nach einem freien Wochenende zu spät oder sogar ein Tag später zur Schule kommen, dann haben sie einfach niemanden gefunden, der sie mitnehmen wollte. Auf der Fahrt bekam ich erst einmal zu hören, dass keines der Institutsautos richtig funktionsfähig ist. Fehlende Spiegel, keine Handbremse oder kaputte Anzeigen sind die Normalität (und mit den Autos soll ich einmal fahren!).

Im Institut, so nennt man den Teil der Schule, wo junge Frauen im Alter von 16 bis 30 Jahren ausgebildet werden und in dem auch meine Wohnung liegt, wurde ich natürlich zunächst jedem vorgestellt. Ich hörte nur die fremden Namen auf mich einprasseln und konnte mir keinen merken. Ich bin richtig stolz auf mich, dass ich jetzt die Namen der Lehrer und die von zwei Schülerinnen beherrsche. (Es sind 51 Schülerinnen im Institut und die haben auch noch ständig wechselnde Frisuren.) Dann wurde ich herum geführt. Ich kenne jetzt schon jeden Ort und seine Macken, aber wenn die anderen hier leben können, werde ich das auch schon schaffen. Mein anderer Vorgänger Otis, der bisherige Deutschlehrer, erklärte mir danach in zwei Stunden, was er bisher gemacht hatte, bevor er seine Eltern vom Flughafen abholte und für mich unerreichbar wurde.

Am Mittwoch gab ich meine ersten Deutschstunden. Dreimal 45 Minuten das Gleiche unterrichten, beim 3. Mal geht einem schon die Luft aus. Am Mittwoch haben wir uns einander vorgestellt, aber am Donnerstag haben wir dann die unvollendete Vergangenheit, das Imperfekt von Sein und Haben durchgenommen. (Ich wusste bis Donnerstag Morgen nicht mehr, dass wir so etwas im Deutschen überhaupt haben, aber man lernt ja nie aus.)

Am Freitag verschwand auch Jan und ich begann mit meiner zweiten Tätigkeit, die meinen Arbeitstag vervollständigt. Ich ging auf die "andere Seite". So nennt man hier die Grundschule und die umliegenden Gebäude. Um dorthin zu gelangen, muss man nämlich die Schotterpiste überqueren, an der das gesamte Schuldorf liegt. Auf der anderen Seite liegt auch der Kindergarten, in dem ich jetzt jeden Morgen aushelfen werde. Die Kinder sind nett und genauso frech wie in Deutschland. Einziges Problem: Sie sprechen kaum Englisch, also bleibt mir wohl nichts anderes übrig als Afrikaans zu lernen.

Ich fühle mich hier ganz wohl, ich vermisse nur den warmen Sommer und eine Person, mit der ich unbeschwert quatschen kann, denn noch kenne ich hier nicht die Beziehungen zwischen den Personen und somit achte ich noch sehr darauf, was ich sage.“



Meine zweite Mail widmete ich dann meinen Wochenenderlebnissen und meiner ersten Autofahrt:

„Also, mein Wochenende besteht in erster Linie darin, mich von dem Kindergeschrei zu erholen, das ich die ganze Woche hatte. Diese Erholung besteht darin, dass ich die letzten Male mit dem sehr klapprigen Bus oder dem Militärfahrzeug und den Mädchen aus dem Institut am Samstagmorgen nach Windhoek zum Einkaufen fuhr. Dass die Erholungsphase dadurch unterbrochen wird, ein 2,5 Tonnen schweres Fahrzeug durch halb Windhoek zu schieben, weil der trottelige Fahrer vergessen hat zu tanken, muss man dabei in Kauf nehmen. Auch das Gepfeife der Männer, wenn zwanzig Mädchen ein bombastisches Fahrzeug schieben.

Am Nachmittag ruhe ich mich aus: ich lese oder quatsche, das geht bis in den Abend hinein, also nichts mit Party oder so. Am Sonntag Morgen geht es dann im wahrsten Sinne des Wortes "an die Wäsche", denn das dauert. Ich habe hier nämlich nur die Waschmaschine namens Hand und ihr glaubt ja gar nicht, wie anstrengend es ist, die staubige Wäsche mit der Hand zu waschen. Dafür gibt es den weltbesten Trockner: sautrockene Luft. (Abends kann ich die Wäsche schon wieder von der Leine nehmen.) Sonntag Nachmittags werden Mails und Postkarten geschrieben oder ich gehe den alten einsamen Mathelehrer und seinen Hund besuchen, der mir dann wirklich interessante Geschichten aus seinem Leben erzählt.
 
So sahen meine bisherigen Wochenenden zumindest aus, spannender wird es erst, wenn ich mit meinem gestern gekauften Auto durch die Gegend düsen kann. Allerdings war der erste Fahrversuch alleine ein Horrortrip. Eine genauere Erklärung gefällig? Ich bin gestern Morgen mit der normalen Einkaufstour in die Stadt gefahren und wurde dann von einem Freund meines Bruders, der mir versprochen hatte beim Autokauf zu helfen, abgeholt. Bei ihm wartete schon mein Auto auf mich. (Ein Glücksfall: Einer seiner Bekannten wollte gerade ein Auto verkaufen!) Als er dann hörte, dass ich noch nie im Land gefahren war, war er bereit mit mir eine kleine Spritztour zu machen. Alles klappte super, also machte ich mich um 16 Uhr mit einer ausführlichen Wegbeschreibung auf den Heimweg. Hier fingen die Probleme an, denn bei meiner ersten Fahrt brauchte ich mich nur darauf zu konzentrieren links zu fahren. Jetzt aber musste ich mich auch noch in einer fremden Stadt in einem fremden Land zurecht finden. So war es keine Schwierigkeit, mich zu verfahren. Ich startete im Stadtviertel Olymp im Süden und fand mich nachher bei der Powerstation weit im Norden wieder. Somit konnte ich um 17 Uhr einen tollen Sonnenuntergang erleben, schön nicht? Pustekuchen, mein Heimweg führte Richtung Westen, was natürlich hieß, die Sonne immer in den Augen zu haben. Und als mir dann auch noch ein Truck entgegen kam, der eine solche Staubwolke aufwirbelte, dass ich nicht mal mehr das Ende meiner Kühlerhaube sehen konnte, war ich total fertig mit den Nerven. Ich bin links heran gefahren und habe eine Pause eingelegt. Angekommen bin ich erst, als es schon dunkel war und eigentlich hatte ich mir geschworen nie im Dunkeln zu fahren. Aber keine Angst, die nächsten Male fahre ich garantiert nicht mehr alleine!“

So begann mein unvergessliches Jahr als Deutsch unterrichtende und Kinder betreuende Praktikantin in Baumgartsbrunn, Namibia. Ein Jahr später, am Morgen des 10. August 2006 um 2.45 Uhr erreichte mich in Münster die SMS einer Schülerin. Sie schrieb von ihrer Praktikumsstelle irgendwo in Namibia: „Von der Lodge (ebenfalls zum Institut gehörend) habe ich erfahren, dass „our Father“ Mr. Bleks gestorben sei. Weißt du etwas darüber?“ Der Gründer und Stifter der Farmschule und des Instituts Baumgartsbrunn in Namibia, Helmut Bleks, war in der Nacht in Windhoek im Alter von 85 Jahren gestorben.


Ronja Rasche